Konstruktive Medienkritik
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Achtsamkeitsbewegung

Bruce, 9. Januar 2017

Die Achtsamkeitsbewegung hat in der westlichen Welt einen Status erreicht, der einem Paradigmawechsel in der Lebensgestaltung gleichkommt. Es scheint als ob die geschickte Kombination von altem Wissen (aus Buddhismus und Yoga) und neueren wissenschaftlich erprobten Methoden eine völlig neue Lebensform aufzuzeigen vermag, welche der westlichen Welt angepasst ist.

Der Vorteil liegt zum einen darin, dass auf unnötigen religiösen Ballast verzichtet werden kann. Dadurch wird die neue Bewegung befreit von jeder Art des Moralisierens, von sittliche Geboten und Verboten sowie auch von der Notwendigkeit, in jahrelanger Meditation höhere Bewusstseinszustände erreichen zu müssen. Zum andern verspricht dieser Weg, dass das Leben unter Beibehaltung der bestehenden Wünsche und Ziele besser bewältigt werden kann. Dies äussert sich in einer höheren Effizienz und einem Vermeiden bisheriger negativer Begleiterscheinungen, wie Stress, Angst, Depression und Schlafstörungen.

Diese Aussagen werden bei vielen Lesern den Eindruck erwecken: Es sei zu schön, um wahr zu sein.  Interessanterweise ist Kritik weitgehend ausgeblieben oder in der allgemeinen Lobpreisung der Achtsamkeitsbewegung untergegangen. Diese mag vielleicht damit zusammenhängen, dass sich die Achtsamkeitsbewegung stark auf Elemente aus dem Yoga und dem Buddhismus abstützt, welche in der westlichen Welt zunehmend wohlwollend als positiv eingeschätzt werden. Eine differenzierte Sicht ist nicht einfach, da es eine intensive Auseinandersetzung mit Yoga, Buddhismus und Achtsamkeit erfordert. Vermutlich wäre diese unkritische Haltung bestehen geblieben, wenn nicht der geistige Vater der Achtsamkeitsbewegung, Jon Kabat-Zinn, mit einigen Aussagen offen auf Konfrontation zu Yoga und Buddhismus gegangen wäre. Die eingangs zitierte Aussage lautet: “Wer mit Meditation versucht, den Geist zur Ruhe zu bringen, der scheitert. Wer es trotzdem versucht, kriegt fürchterliches Kopfweh!” Damit hat er den Zentralnerv des Yogas und des Buddhismus im Mark getroffen. Wer sich seriös für Yoga/Buddhismus und westliche Achtsamkeitspraxis als Lebensweg interessiert, kommt um eine kritische Auseinandersetzung nicht herum.

Auf dieser Grundlage wurde versucht, die Achtsamkeitsbewegung kritisch zu würdigen, wobei sich die Ausführungen auf das grundlegende MBSR Programm von Jon Kabat-Zinn abstützt.  Zunächst die gute Nachricht: Wer das MBSR Programm absolviert und regelmässig praktiziert, wird tatsächliche Verbesserung bei Leiden wie Stress, Depression, Schlafstörungen erzielen. Die weniger gute Nachricht ist die, dass  sich das Ziel der Achtsamkeitsbewegung, das ganze Leben als Meditation im Hier und Jetzt, ohne bewusste Bewertungen und Urteile zu vollziehen, als Illusion entpuppt. Die positiven Wirkungen des MBSR Programms auf die Gesundheit basieren hauptsächlich auf klassischen Meditionsformen des Buddhismus und auf Yoga-Übungen, welche den Grossteil des MBSR Programms ausmachen. Als Lebensweg, der auch auf tiefer liegende Störungen wie Depression, Angst, Traumas aus Schicksalsschlägen Antworten hat, eignet sich das Programm nicht. Es scheint sich zu bestätigen, dass die Achtsamkeitspraxis, welche ganz auf Spiritualität, Kultivierung von Tugenden und Einhaltung ethischer Vorgaben verzichtet, kein umfassender Heilsweg sein kann. 

 

 

 

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