Konstruktive Medienkritik
aus Wirtschaft und Politik

Ausgewählte aktuelle Artikel werden kurz zusammengefasst und ergänzenden oder alternativen Sichtweisen bzw. Szenarien gegenübergestellt.

OnePagers können die Kurzkritik ergänzen.

Die aktuellen Beiträge werden in Twitter und Newsfeeds referenziert.

Erdöl Fundamental-Analyse

Bruce, 16.6.2013

Investoren und Anleger interessieren die Prognosen über die Preisentwicklung auf dem Ölmarkt. Die gebräuchlichste Methode ist die Fundamentalanalyse. Sie versucht Angebot und Nachfrage abzuschätzen, um danach herzuleiten, wie die Preise sich im Marktgleichgewicht entwickeln. 

Das Angebot

Grafik 1 zeigt die erwartete langfristige Entwicklung der wichtigsten Energieformen. Aus Grafik 2 wird ersichtlich, wie rasch die bestehenden Erdölquellen versiegen und durch welche Formen sie ersetzt werden. Die “neuen Quellen” spielen bereits kurzfristig eine dominante Rolle. 

Es gilt zwei Pufferfunktionen zu beachten: das eine sind die strategischen Reserven und das andere die Möglichkeiten kurzfristiger Erhöhung oder Reduktion der Fördermenge. Aus Grafik 3 geht hervor, dass beide relativ zur Gesamtnachfrage sehr begrenzt sind und somit keine wesentliche, nachhaltige Funktion auf dem Weltmarkt spielen können.

Viele Kommentatoren sehen mit dem Aufkommen neuer Fördermethoden (hydraulic  fracturing) einen Produktivitätssprung, der herkömmliche Analysen in Frage stellen soll. Kurz- und mittelfristig sind die Dimensionen im Vergleich zur Grösse des Weltmarktes aber viel zu klein. Ausserdem sind die Fördermethoden noch nicht ausgereift und erscheinen sowohl ökonomisch wie auch ökologisch als nicht nachhaltig. Eine bisher kaum diskutierte Gefahr besteht darin, dass versucht wird, die ergiebigen Quellen (sweet spots) rasch auszubeuten und dass dabei durch den Einsatz unausgereifter Technologien Kollateralschaden angerichtet wird, welche die Ortung und Ausbeutung der angrenzenden, weniger ergiebigen Felder in Zukunft erschwert.  

Die Nachfrage

Grafik 4 zeigt, dass die nachgefragte Menge ungefähr gut halb so schnell wächst, wie das Volkseinkommen. Demgegenüber reduziert eine Preiserhöhung von 10 % die Nachfrage nach Erdöl kurzfristig um 0.4 % und längerfristig um 4 %. Im Philister-Jargon heisst das: auf absehbare Zeit (bis 10 Jahre) kann man den Preiseffekt weitgehend vernachlässigen. Die Erdölnachfrage wird demnach hauptsächlich von der Konjunktur bestimmt und dürfte bei normalem Verlauf um 1.5 - 2 Prozent pro Jahr zunehmen.

Die Entwicklung von Angebot und Nachfrage

Während die Nachfrageentwicklung gut voraussehbar ist, bestehen beim Angebot sehr grosse Unsicherheiten. Zwar gehen mittelfristige Punktprognosen davon aus, dass die beiden etwa im Gleichschritt zunehmen. Überraschungen sind aber programmiert.

Da sowohl die Nachfrage wie auch das Angebot mittelfristig relativ unelastisch auf Preise reagieren, muss - angesichts der grossen Unsicherheit beim Angebot - mit grossen Ausschlägen gerechnet werden. Dies ist in Grafik 5 festgehalten

Zusammenfassung

  • Sowohl das Angebot wie auch die Nachfrage reagieren kurzfristig extrem Preis-unelastisch
  • Die Produktion aus bestehenden Anlagen nimmt rasch ab
  • Die Nachfrage nach Öl nimmt mittelfristig weiter zu
  • Die Wahrscheinlichkeit, dass  neue Ölfelder die Lücke genau füllen (keine Unter- und keine Überproduktion) ist äusserst gering. 
  • Dies führt bei den vorhandenen inflexiblen Märkten zu grossen Ausschlägen (nach oben und unten)

Anlage-Empfehlung

Die obige Analyse deutet auf eine sehr hohe implizite Volatilität hin, welche zur Zeit (Juni 2013) wesentlich höher ist, als der Index der impliziten Volatilität für Erdöl anzeigt. Eine Anlageempfehlung würde demnach lauten, eine strategische Position in Long-Volatility von Erdöl zu halten.

  • Grafik1
  • Grafik2
  • Grafik3
  • Grafik4
  • Grafik5

Kommentar schreiben